{"id":224,"date":"2019-02-22T13:59:03","date_gmt":"2019-02-22T13:59:03","guid":{"rendered":"http:\/\/rettet-das-gedruckte-wort.flix-data.de\/?p=224"},"modified":"2019-06-13T13:11:10","modified_gmt":"2019-06-13T13:11:10","slug":"eine-ganz-normale-familie","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/rdgw.running.digital\/?p=224","title":{"rendered":"Eine ganz normale Familie"},"content":{"rendered":"<p>Die von Judith Guest ins Visier genommene &#8222;ganz normale Familie&#8220; besteht aus Vater, Mutter, Sohn.<br \/>\nDavor gab es Vater, Mutter und zwei S\u00f6hne.<br \/>\nWer fehlt ist Conrads \u00e4lterer Bruder &#8211; umgekommen vor zwei Jahren &#8211; und seitdem ist nichts mehr wie es war!<\/p>\n<p><strong>Conrad,<\/strong> die Hauptperson, lebt nach einem l\u00e4ngeren Aufenthalt in der &#8222;Klapse&#8220; &#8211; so ganz offensichtlich die Umgebungsdenke des jungen Mannes, der in einem Sanatorium mit allen Registern behandelt wieder <strong>in die &#8222;Normalit\u00e4t&#8220; entlassen<\/strong> wurde &#8211; in dieser ganz normalen Familie.<\/p>\n<p>Er bem\u00fcht sich selbstzerst\u00f6rerisch in der Vergangenheit, sprich Gegenwart, wieder Fu\u00df zu fassen, in der die doch einschneidenden Ver\u00e4nderungen keinen Platz, kein Recht auf Erw\u00e4hnung haben.<br \/>\n<strong>&#8222;Der Morgen&#8220;,<\/strong> gleichzusetzen mit dem allerersten Versuch eines Neubeginns,<br \/>\n <strong>&#8222;ist keine gute Zeit f\u00fcr ihn.<\/strong> Zu viele Fragen &#8230;. soll er zuerst die Z\u00e4hne putzen? Oder sich waschen? Welche Hose soll er anziehen, welches Hemd?&#8220;<br \/>\nEs gab &#8230;. &#8222;auch einige ergeizige Pl\u00e4ne, sein Leben in Ordnung zu bringen. Aber irgendwie sind sie ihm abhanden gekommen.&#8220;<br \/>\n<strong>&#8222;Am fr\u00fchen Morgen ist das Zimmer sein Feind. Es ist ein gef\u00e4hrlicher Zeitpunkt, gerade aufgewacht zu sein. Wenn er aber von hier aus&#8220;<\/strong> (vorm Haus in der Auffahrt stehend)<strong> &#8222;hinauf schaut, kommt ihm das Zimmer vor wie eine Zufluchtst\u00e4tte. Er stellt sich vor, dass er dort sicher ist, sicher im Bett, die Decke hochgezogen, schlafend, ohne Bewu\u00dftsein.&#8220; <\/strong><br \/>\nJe mehr Interesse ihm entgegen gebracht wird, desto mehr werden seine Reserven verbraucht, wird er erdr\u00fcckt!<\/p>\n<p><strong>Conrad wartet auf seinen Rausschmi\u00df;<\/strong> in der Schule, im Schwimmverein. In der Familie?<br \/>\nEr erwartet ihn voller Entsetzen, Angst. Was w\u00e4re die Konsequenz? Gebrandmarkt zu sein als Nicht Normaler unter Normalen? Als Abtr\u00fcnniger in seiner Familie?<br \/>\n<strong>Rausschmi\u00df bedeutet versagt zu haben,<\/strong> Versagen geh\u00f6rt nicht zu ?seiner? Realit\u00e4t!<\/p>\n<p><strong>Die Mutter,<\/strong> reserviert, beachtet ihn nicht.<br \/>\nK\u00fchl, desinteressiert, perfekt in der \u00e4u\u00dferen Welt.<br \/>\nIm Inneren verzweifelt auf die Liebe, die selbstlose, alles verstehende Liebe ihres Mannes angewiesen, die sie in bezug auf den Sohn als \u00dcber F\u00fcrsorge dem Vater vorwirft.<br \/>\nSie braucht ihn, den Vater, der Sohn erwartet zu viel von ihr, die selbst um Bestand und Perfektion ringt.<br \/>\n<strong>Er ist f\u00fcr sie das Demoklesschwert, das st\u00e4ndig \u00fcber ihr schwebt und ihre \u00e4u\u00dfere und innere Welt ins Wanken bringt.<\/strong><\/p>\n<p><strong>Der Vater,<\/strong> ein Nach Denker. Er f\u00e4hrt lieber mit dem Auto als mit dem Zug.<br \/>\n&#8222;Beim Zugfahren hat er zuviel Zeit zum Nachdenken, hat er entschieden. Zuviel Nachdenken kann dich kaputt machen.&#8220;<br \/>\nAber er kann dem nicht entfliehen: Was h\u00e4tte es \u00e4ndern k\u00f6nnen, den Selbstmorversuch des Sohnens, den Tod des anderen Sohnes? Was ist sein eigener Part und was tun, um es nicht noch einmal so weit kommen zu lassen?<br \/>\n&#8222;Und wer kann helfen? Schwere Depression, akute Selbstmordgefahr &#8230;. Eine Vier &#8211; Worte Diagnose. Gibt es auch ein Vier &#8211; Worte Heilverfahren?&#8220;<br \/>\n&#8222;Wie wird man mit der Trauer fertig? Es gibt kein Fertigwerden, nur das sture, verbissene Ausharren, bis es vor\u00fcber ist.&#8220;<br \/>\nAuch er war Perfektionist, fr\u00fcher, bis er herausgefunden hatte, da\u00df weder ein makelloses Haus, eine Mitgliedschaft im besten Club der oberen Gesellschaft noch Macht, noch Wissen, noch G\u00fcte, &#8222;noch sonst irgendwas&#8220; einem vor dem wirklichen Leben sch\u00fctzen kann. <strong>&#8222;Da\u00df der Zufall, und nicht die Perfektion die Welt regiert.&#8220;<\/strong><\/p>\n<p><strong>Illusion oder Realit\u00e4t?<\/strong><br \/>\nSeine Liebe sch\u00fctzt seine Frau vor der Realit\u00e4t, begibt sich mit ihr in die Illusion der Perfektion.<\/p>\n<p>In diesem Konstrukt erh\u00e4lt Conrads zentrale Frage Gewicht und Berechtigung: <strong>&#8222;Wie soll man denn weitermachen k\u00f6nnen, wenn keiner etwas erw\u00e4hnt, wenn jeder sich bem\u00fcht, es nicht zu erw\u00e4hnen?&#8220;<\/strong><\/p>\n<p>Kann <strong>der Psychiater<\/strong> &#8211; oder soll ich ihn besser \u00b4Freund, Verb\u00fcndeter, Wissender`nennen -, kann er Conrad helfen?<br \/>\n&#8222;Das ist der Trennungspunkt zwischen den Kranken und  den Gesunden. Echte Probleme, echte L\u00f6sungen, klar?&#8220;<br \/>\n<strong>&#8222;Um die Gef\u00fchle kennen und damit umgehen zu lernen, mu\u00df man sie heraus lassen und sich anschauen. <\/strong>Und wenn du denkst, das kostet zuviel Energie &#8211; es ist nur ein Bruchteil dessen, was du brauchst, um sie st\u00e4ndig unter Verschlu\u00df zu halten.&#8220;<br \/>\nVielleicht mu\u00df man sich manchmal ekelhaft f\u00fchlen, damit man sich danach besser f\u00fchlt.&#8220;<br \/>\nVielleicht ist das die Erkl\u00e4rung daf\u00fcr&#8230;<strong>&#8222;da\u00df Depressionen nicht aus Schluchzen und Sich-Gehen-Lassen bestehen, sondern schlicht und einfach aus einem Abbau der Gef\u00fchle &#8230;.Jeder Art von Gef\u00fchlen. <\/strong>Leuten, die den Kopf immer steif halten, f\u00e4llt es verdammt schwer, zu l\u00e4cheln.&#8220;<br \/>\n<em><br \/>\n<strong>Das Leben ist nicht immer fair oder vern\u00fcnftig, oder dies oder das &#8211; es ist einfach! <\/strong><\/em><\/p>\n<p><em>Verlag Volk und Welt Berlin, Titel der Originalausgabe: ORDINARY PEOPLE, erschienen bei The Viking Press, Inc., New York 1976<br \/>\nAus dem Amerikanischen von Karin Polz<\/em><br \/>\n<em>L.N. 302,410\/108\/79<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die von Judith Guest ins Visier genommene &#8222;ganz normale Familie&#8220; besteht aus Vater, Mutter, Sohn. 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