{"id":750,"date":"2019-11-08T12:53:53","date_gmt":"2019-11-08T12:53:53","guid":{"rendered":"http:\/\/rettet-das-gedruckte-wort.flix-data.de\/?p=750"},"modified":"2019-11-08T12:53:53","modified_gmt":"2019-11-08T12:53:53","slug":"das-maedchen-mit-dem-die-kinder-nicht-verkehren-durften","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/rdgw.running.digital\/?p=750","title":{"rendered":"Das M\u00e4dchen, mit dem die Kinder nicht verkehren durften"},"content":{"rendered":"<p><strong>&#8222;Keiner liebt mich&#8220;<\/strong>,so hei\u00dft es in dem Buch von Irmgard Keun, &#8222;und keiner verbietet mir was, &#8211; <strong>ich darf alles tun, was ich will.<\/strong>&#8220; Jetzt, wo das neue Kind da ist!<br \/>\nSo traurig ist das M\u00e4dchen, mit dem die Kinder nicht verkehren d\u00fcrfen,<br \/>\nso traurig, dass es sich wie tot anf\u00fchlt.<br \/>\nAber ist es nicht auch wie tot, wenn keiner einen mehr wahrnimmt? Wenn selbst die schlimmsten Streiche nicht mehr geahndet &#8211; ja, nicht einmal mehr wahrgenommen werden? Nat\u00fcrlich wollen sie sie weghaben, jetzt, wo sie ein neues Kind haben. Sie wollten sowieso immer ein artigeres Kind und au\u00dferdem w\u00e4re ein Junge auch viel besser gewesen. Jetzt bleibt nur noch der Friedhof. Hier liegt die Gro\u00dfmutter. <strong>Die Gro\u00dfmutter hat sie lieb gehabt, aber jetzt ist sie tot.<\/strong><\/p>\n<p><strong>Der Wutteufel begleitet das M\u00e4dchen<\/strong>, ist immer an seiner Seite, immer bereit, es zu unterst\u00fctzen, wenn die Tr\u00e4nen kommen, die das M\u00e4dchen nicht weinen will.<br \/>\n<strong>Der Wutteufel bringt Schande \u00fcber die Familie<\/strong>, meint der Vater. Aber sie kann ihn nicht wegschicken. Braucht ihn zum Atmen, zum Weiterleben.<\/p>\n<p>Das M\u00e4dchen erinnert sich an den franz\u00f6sischen Gefangenen. Sie beobachtet ihn beim Umgraben und sie bedauert ihn: &#8222;Ich m\u00f6chte nie gefangen sein, lieber Gott, und nicht nach Hause k\u00f6nnen.&#8220; Zu Hause, das ist <strong>die Mutter<\/strong>, die ihr Gespr\u00e4che schenkt &#8222;unter Frauen&#8220;, <strong>die sie versteht, manchmal, mit dem Herzen.<\/strong><\/p>\n<p>Dieses Buch ist voll schwarzer P\u00e4dagogik und unfassbar sind die Interpretationen der Erwachsenen, die sie den Kindern angedeien lassen. Grenzenlose \u00c4ngste, Schuldgef\u00fchle und Selbsthass werden erzeugt aufgrund von Unwissenheit, eigenen \u00c4ngsten und der H\u00e4rte der Zeit. Kinder sollen angepasst sein, am Besten nicht zu sehen und zu h\u00f6ren, auf keinen Fall Anteilnahme und Einf\u00fchlungsverm\u00f6gen erwarten oder gar erwecken!<br \/>\nWen wundert\u00b4s, wenn ein Gro\u00dfteil dieser Kinder sich weiterhin gegen Gef\u00fchle wehrt und Reden schwingt wie: &#8222;uns hat ein Klapps auch nicht geschadet&#8220; oder &#8222;ein Junge weint nicht&#8220; oder &#8222;hab Dich nicht so&#8220;!<br \/>\nKriegs- und Nachkriegskinder hatten sich zu f\u00fcgen, unsichtbar zu sein und zu gehorchen, ohne irgend eine Vorstellung davon, warum gerade dies oder jenes von ihnen verlangt wurde. Waren die Erwachsenen diese Zeit wirklich so dumm und boniert, ohne Vorstellung, Interesse daf\u00fcr, was dies mit Kindern und somit den sp\u00e4teren Erwachsenen anrichten k\u00f6nnte? Hatten sie vergessen, dass sie selbst einmal Kinder und jetzt schon Produkte einer solchen Erziehung waren oder wollten sie nicht wahrhaben, was mit ihnen geschehen, gemacht, verbrochen worden war?<\/p>\n<p>Zwar in der Vergangenheit geschrieben, doch immer wieder und durchg\u00e4ngig aktuell. Verdr\u00e4ngen, nicht wahrhaben wollen und immer weiter falsch handeln und alles \u00dcbel mitschleppen in jeweils ver\u00e4nderter oder auch genau derselben Form.<br \/>\nSind wir Menschen wirklich so? Ist das unsere Bestimmung, unser einziges K\u00f6nnen? Ist die Gabe zur Selbst- und Fremdreflektion tats\u00e4chlich nur schm\u00fcckendes Beiwerk und einzig gut genug uns darzustellen und selbst zu beruhigen? <strong>Das w\u00e4re doch wirklich soooooooo schade.<\/strong> Diese Vergeudung an Materialien, M\u00f6glichkeiten, die wir als einzige der Sch\u00f6pfung mitbekommen haben.<\/p>\n<p>Hinterfragen tut weh, wenn man entdeckt, einiges falsch gemacht zu haben. Aber tun wir nicht immer unser Bestes, das, was wir k\u00f6nnen, was nicht zuvor von denen, die nicht hinterfragen kaputt geschlagen wurde? <strong>Sind wir sanft mit uns selbst<\/strong>. Schauen wir unsere Taten und ihre Unterlassungen an. Nehmen wir den Schmerz auf uns, in der Gewissheit, dass er vergeht und uns frei macht f\u00fcr Besseres, Menschen\u00e4hnlicheres, weil wir gewagt haben zu zweifeln.<\/p>\n<p>&#8222;Ich habe Angst&#8220; so hei\u00dft ein Kapitel, in dem das M\u00e4dchen von den Geschichten \u00fcber Hexen und andere Gestalten spricht. Auch der Leib Christi und sein Blut, dass zum Abendmahl kredenzt wird, bereitet ihr Angst und Unbehagen und keiner derer, die ihr erkl\u00e4ren k\u00f6nnten, ist bereit dazu. L\u00e4stig, l\u00e4stig die Fragen, die \u00c4ngste, das Anklammern eines verunsicherten Kindes, welches mit ein wenig Verst\u00e4ndnis, Bereitschaft zur Aufkl\u00e4rung und der bereits erw\u00e4hnten Selbstreflektion beruhigt und liebevoll begleitet werden k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>Das M\u00e4dchen, an dessen Seite wir mit unserem Lesen stehen, hat nicht nur Angst. <strong>Es lebt in seiner kindlichen Welt allein und sorgt f\u00fcr sich so gut es kann und das ist beachtlich gut! <\/strong>Trotz Einsamkeit, Schuldgef\u00fchlen und gro\u00dfer Unsicherheit macht es sich sehr praktische Gedanken ums eigene \u00dcberleben. Hut ab, ich k\u00f6nnt\u00b4s nicht besser<\/p>\n<p>&#8222;Schneck, Schneck, komm heraus,<br \/>\nStrecke deine F\u00fchler aus &#8211;<br \/>\nZeig sie nur, du kleines Ding<br \/>\nUnd komm aus dem Haus geschwind.&#8220;<br \/>\nWarum lernen einen die Erwachsenen solche Lieder, wenn sie dann<br \/>\ndie Schnecken t\u00f6ten und aufessen?<br \/>\n&#8222;Erwachsenen sind ja so gemein und hinterlistig. Immer sagen sie zu Kindern und Tieren: komm, komm, komm, &#8211; ich tu dir nichts. Und wenn man dumm ist und kommt, tun sie einem bestimmt was.&#8220;<br \/>\nTja, und dann glauben sie einem auch nie, egal, was man sagt, und am wenigsten glauben sie einem, wenn man die Wahrheit sagt.<\/p>\n<p><strong>&#8222;Streiche und Abenteuer eines M\u00e4dchens, das nicht bereit ist, die Welt einfach so zu akzeptieren, wie sie angeblich ist.&#8220;<\/strong><br \/>\nAngeh\u00f6rige aller Altersgruppen werden an diesem ironisch-witzigen Text ihre Freude haben&#8220;, so schreibt es die Neue Zeit, Graz.<br \/>\nUm nicht die gleichen, im Buch geschriebenen und von mir hervorgehobenen <em>Erwachsenenfehler<\/em> zu begehen, m\u00f6chte ich dem <strong>Ironisch-Witzig<\/strong> ein kleines wehm\u00fctiges <strong>Traurig-Einsam<\/strong> hinzuf\u00fcgen, welches mir keinesfalls die Freude und vor allem nicht das gro\u00dfe f\u00fchlende Begleiten eines kleinen Menschenkindes in der Literatur nehmen konnte.<\/p>\n<p><em>1980 Claassen Verlag, Hildesheim<br \/>\nISBN: 3-546-45373-5<br \/>\nErstver\u00f6ffentlichung 1936<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8222;Keiner liebt mich&#8220;,so hei\u00dft es in dem Buch von Irmgard Keun, &#8222;und keiner verbietet mir was, &#8211; ich darf alles tun, was ich will.&#8220; Jetzt, wo das neue Kind da ist! So traurig ist das M\u00e4dchen, mit dem die Kinder nicht verkehren d\u00fcrfen, so traurig, dass es sich wie tot anf\u00fchlt. Aber ist es nicht [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":768,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[30,46,1,33],"tags":[14,51,74,52,59,22,45,42,44,38],"class_list":["post-750","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-deutsche-geschichte","category-erzaehlend","category-uncategorized","category-wahrer-mut","tag-beziehung","tag-einsamkeit","tag-familie","tag-gefuehlschaos","tag-krieg","tag-lebensart","tag-perspektivwechsel","tag-toleranz","tag-verstaendnis","tag-vorurteile"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/rdgw.running.digital\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/750","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/rdgw.running.digital\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/rdgw.running.digital\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/rdgw.running.digital\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/rdgw.running.digital\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=750"}],"version-history":[{"count":12,"href":"https:\/\/rdgw.running.digital\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/750\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":762,"href":"https:\/\/rdgw.running.digital\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/750\/revisions\/762"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/rdgw.running.digital\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/768"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/rdgw.running.digital\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=750"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/rdgw.running.digital\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=750"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/rdgw.running.digital\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=750"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}