Taube aus Papier

„Meine Lippen sollen nichts Unrechtes reden, und meine Zunge soll keinen Betrug sagen. … „

Dieses Zitat, aus dem Buch Hiob, 27, stellt Armin Müller an den Anfang seiner Erzählung.
Warum er das tut, begreife ich mit jedem Kapitel immer mehr.

1981 verlegt in der DDR, mag es manchen Leser dieser Seite dazu veranlassen, die Erzählung als „olle Kamelle, nicht mehr aktuell, usw“ abzutun, zur Seite zu legen.

Wie unrecht er doch hätte!

Junge Menschen, die ihren Weg gefunden,
vermeintlich frei und endlich losgelöst
von veralteten, zerstörenden und Leben verachtenden Moralvorstellungen.
Und die dann doch noch scheitern.
Zugrunde gehen an einer Entscheidung, welche die ihre hätte sein können.
Es aber nicht sein durfte. Nicht konnte.
Denn wer ist schon frei von den Zwängen der Kindheit.
Verinnerlicht aus Liebe zu den Eltern, aus Vertrauen.
Manchmal aber auch aus Angst. Vor Strafe. Vor Einsamkeit.
Also erheben wir lieber den mahnenden Zeigefinger gegen uns selbst.
Und registrieren es nicht einmal.
In unserer geglaubten Freiheit.

Um was aber geht es in dieser Erzählung?
Geht es um einen Unfall? Um Selbstmord? Mord?

„Die geben nicht nach, hatte sie gesagt. Die kommt auch nicht zurück.“
Ein Patt also? Eine unklärbare und unlebbare Situation?
„Die tut sich eher sonst was an.“

Ihren Freund David haben sie in die „Klapsmühle“ gebracht.
„Er gibt sich die Schuld an ihrem Tod“…
„Als sie stürzte? Als sie sich stürzte? Als sie gestürzt wurde?“

In seinem Theaterstück sollte sie, Sabine, die Hauptrolle spielen.
Eine Rolle mit einem Happy End:
Die Eltern verstehen. Geben nach. Nehmen an.
Und die Tochter kehrt zurück.

´Nein`, sagte Sabine, ´die geben nicht nach.
Die kommt auch nicht zurück`.
Und damit hatte sie das Stück umgeschrieben.
Das ganze Leben war nun ein anderes.

Beim Besuch der Eltern rezitiert Sabines Mutter, was ihn erschrecken lässt:
„Unsre Wünsche, groß und klein, sieben weiße Pferde,
reiten in den Tag hinein, um die halbe Erde.“

Hatte nicht David im Wahn seiner Verzweiflung
immer wieder etwas von Pferden gelallt?
Nun ist er ganz aufgeregt. Ist das womöglich eine Spur?
Dieses Gedicht, von Sabine an Ostern mit zu den Eltern gebracht?
Eine Spur zum wahren Geschehen?

Sabine, und zwei Gesichter!
Sabine, und zwei Gesichter?
Der junge Dramatiker, in dessen Stück sie die Hauptrolle spielen sollte, ist fassungslos.
Nichts von alle dem hatte er gewusst.
Nichts geahnt und nichts für möglich gehalten.

Als er die Parallelen des Drehbuchs zu Sabines Status findet, hält er einen Zusammenhang für möglich.

Und wenn ich hier weiter schreibe, halte ich für möglich, alles, was das Buch spannend und einzigartig macht, zu verraten.
Also breche ich hier ab, mittendrin, in der Hoffnung, ein ausreichendes Interesse an Sabines Leben geweckt zu haben.
Ausreichend dafür, das kleine Büchlein von einhundertdreiunddreißig Seiten in die Hand zu nehmen und nicht mehr los zulassen bis der letzte Satz „Es war genau dreiundzwanzig Uhr und sechs Minuten“ gelesen ist.